Was soll ich verkaufen?

Die Authentizität? Die Herkunft? Die Roots? Und damit einhergehend die Markierung akzeptieren und als Auszeichnung auf der Brust tragen? „Ah ein stolzer Exot!“.
Oder eher die Lüge, die diesseits wie jenseits daraus produziert wurde und immer noch wird? Diese ist allenthalben unterhaltsamer, so scheint es mir. Das Clichée, das stereotype Bild des edlen Barbaren, dass seit der Antike tradition hat und sich über die Jahrhunderte ständig verändert. Denn die Barbaren von einst, sind nach all den Jahrzehnten und Jahrhunderten gerne das Etablissement geworden und geben nun ihrerseits vor, wer als Barbar bezeichnet werden darf, soll und muß. Bestes Beispiel: die Germanen.
Ich liebe es, wie die Lügen über das „Unerträgliche des Anderen“ mit der Zeit an Gültigkeit verlieren, die Farblichkeit verändern, vergilben und uns als tragikomische Relikte aus einer anderen Zeit helfen, neue Lügen über unsere „Zeitgemäßheit“ aufzubauen. Wir sind nun „modern“. So ausgelutscht dieser Begriff auch sein mag, veliert er immer noch nicht seine Gültigkeit, wobei es ja schon lange heißen müsste „Wir sind postmodern“. Aber postmodern klingt immer noch nicht richtig hip und wird es wohl auch nie sein. Also brauchen wir einen neuen Begriff, der im täglichen/medialen Sprachgebrauch das althergebrachte „modern“ ergänzen kann.
Im Dienste des „modern seins“ verkaufen wir jedoch unsere Authentizität. Das schicksal des Authentischen war es schon immer, nie gleichwertig mit dem „modernen“ Lebensstil zu sein. Das authentische galt immer als altbacken und wurde somit belächelt. Auch wenn, wir immer beteuern, wie wertvoll das einfache, simple, althergebrachte, authentische ist, wollen wir nie zu ihm stehen. Aber wenn man es geschickt zu nutzen weiss, verleiht es der Moderne – die gerne unter ihrer eigenen Oberflächlichkeit leidet – „Profil“ und „Attraktivität“. Das heisst: „das ursprüngliche, einfache, harte Leben und alles, was es an Gütern in seinem Archiv für uns bereit hält, kann ausgebeutet werden und auf Social Media als Attribut präsentiert werden: deine exotische Familie und deine Vorfahren, aus dem eurasischen Raum, oder aus dem arabischen. Je authentischer desto besser: deine Oma in ihrer traditionellen Tracht – egal wo sie herkommt: Südamerika, Nordafrika, Afrika, oder Niederbayern, whatever…alles, was nicht „modern“ im Sinne des Europäischen, oder Westlichen ist. Das ist die Farbe, die wir brauchen. Das ist das wahre Leben. Das sind unsere Roots, aber wir verdienen unser Geld als Influencer*in auf Youtube, oder als Model, oder als Pop-Musiker*in und haben das Glück, das ein Teil unserer Familie aus der ländlichen Region, einem Drittwelt-, oder Schwellenland kommt. Denn: das lässt sich jetzt richtig gut verkaufen.
Ich verkaufe hingegen gerne die Lüge an sich. Die Lüge, die sich seit dem 18. Jhd. durchsetzte – angefangen mit der Idealisierung des griechisch-römischen Kultur- und Kunstsegments. Dabei waren es nun tatsächlich die Nachfahren der ehemaligen germanischen, gallischen und keltischen Barbaren, nämlich die deutschen, französischen und englischen Wissenschaftler*innen und Antikenliebhaber*innen, die sich ihrerseits nun alles antike Römische und Griechische aneigneten, es teilweise verhunzten, oder aber ins unermessliche hochstilisierten, um daraus eine stumpfe Identitäre Masse an Ekklektizismen zu formen, die sich dann erst ab den 90er Jahren dieses Jahrhunderts mit Hilfe von gewissenhaften Wissenschaftler*innen schafften, sich zu emanzipieren und wieder organisch zu werden.
Genauso geschieht es nun mit all dem, was bisher als Abschaum galt: das musikalische, künstlerische und kulturelle Erbe der ländlichen Bevölkerung des Südens und des Ostens. Es wird jetzt richtig Hip und als „psychedelic“ bezeichnet. Psychedelic wahrscheinlich deswegen, weil das „weisse“ Bewusstsein nichts anderem als seiner eigene kulturellen Welt eine gewisse „Komplexität“ zutraut. Somit muss die Komplexität einer originären, bisher als minderwertig befundenen Kultur von Regionen, wie zum Beispiel Anatolien, dem Balkan, oder des Nahen Ostens, oder whatever aus einer urnatürlichen mystischen Psychedelik entstanden sein, denn eine rational erklärbare kulturgeschichtliche Entwicklung die durch die dortigen Menschen entstand, ist ja eigentlich gar nicht denkbar.
Diesem Gesinnungsdiktat ordnen sich nun leider alle unter. Auch die Menschen dieser Regionen selber – vor allem aber die, die in 3. oder 4. Generation im westen Leben und bisher wenig Nähe zu ihren „Roots“ (wie sie es selber nennen) hatten. Nun, da diese Form der Authentizität wieder Hip ist, begeben sie sich auf eine öffentlich zur Schau gestellten Reise zurück. Sie lernen türkisch, kurdisch, arabisch, etc. und singen Volkslieder in ihrem gebrochenen West-akzent. Es wird nun geplündert und exhibitionistisch zur Schau gestellt, was man nur an „Authentischem“ finden kann und somit werden neue Lügen erzeugt. Im Grunde werden pseudo-authentische Selbstbilder verkauft, die je nach Wunsch mit Attributen geschmückt werden. Die Lüge wird immer wieder neu erfunden.
Und genau die verkaufe ich! Denn das ist meiner Meinung nach Legitim. Also nicht das Authentische an sich, sonder die Lügen, den Kitsch, den Trash der seit Jahrhunderten zur Befriedigung der menschlichen Selbstsucht entstanden sind..
Deswegen lüge ich auch gerne über mich selbst. Die Frage über meine Herkunft, wird grundsätzlich immer mit einer unverschämten Lüge beantwortet. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob der oder die Fragende die gelogene Antwort schluckt oder nicht. Ich Lüge dabei so plump, unverfroren und schamlos, dass er/sie empört von dannen zieht und sich über meine mangelnde Authentitzität und Unehrlichkeit beschwert und schlecht über mich redet.
So muss das sein!
So gefällt mir das!
Irgendwann begegnet man sich hoffentlich wieder und erkennt, dass das Leben ein einziges Schauspiel ist und man seine Rolle und damit seine Identität immer selbst entwerfen kann – jeden Tag aufs neue.

Sammlung dummer Sprüche:

und alternative Vorschläge zu ihnen…

Der dumme Spruch: Pray for peace – prepare for war!

Eine Erläuterung dazu, direkt aus Wikipedia übernommen (ganz unten ist eine sehr sinnvolle Alternative zu diesem dummen Spruch zu finden):

Si vis pacem para bellum ist ein lateinisches Sprichwort. Wörtlich übersetzt lautet es: „Wenn du (den) Frieden willst, bereite (den) Krieg vor.“ (In Sprachen mit bestimmtem Artikel sind Übersetzungen mit oder ohne Artikel möglich, da es im Lateinischen keinen Artikel gibt.) Andere, freiere Übersetzungsversionen sind: „Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg.“ oder „Wer den Frieden sucht, bereite den Krieg (vor).“

Die Grundidee findet sich schon bei Platon:

„Die vornehmste Grundlage eines glückseligen Lebens aber ist dies, dass man weder Unrecht tut noch von anderen Unrecht erleidet. Hiervon ist nun das Erstere nicht so gar schwer zu erreichen, wohl aber so viel Macht zu erwerben, dass man sich gegen jedes Unrecht zu sichern vermag, und es ist unmöglich auf eine andere Weise vollkommen zu derselben zu gelangen als dadurch, dass man selber vollkommen tüchtig dasteht. Und ebenso ergeht es auch einem Staate, ist er tüchtig, so wird ihm ein friedliches Leben zuteil, ist er es nicht, so bedrängt ihn Fehde von innen und außen.
[…]
Steht es aber so damit, so muss sich jeder nicht erst im Kriege, sondern schon in Friedenszeiten auf den Krieg einüben, und darum muss eine verständige Bürgerschaft in jedem Monat nicht weniger als einen Tag Kriegsdienste tun, wohl aber noch mehrere, wenn es den Behörden nötig erscheint, und dabei weder Frost noch Hitze scheuen.“

– Platon: Nomoi VIII, 829 St.2 A[3]

Das Sprichwort bezeichnet auch die Quintessenz der 7. Philippica, einer nach allen Regeln der Rhetorik gehaltenen Grundsatzrede von Marcus Tullius Cicero Mitte Januar 43 v. Chr. vor dem römischen Senat. Darin stellt er sich zunächst als Anwalt des Friedens vor. Anschließend legt er dar, warum ein Friede mit Marcus Antonius erstens schimpflich, zweitens gefährlich und drittens unmöglich sei.

Außerdem kommt sie bei Ciceros Zeitgenossen Cornelius Nepos vor (Epaminondas 5, 4). Am nächsten kommt dem Satz der römische Militärschriftsteller Vegetius (um 400 n. Chr.) im Vorwort zu Buch III seines Werkes De re militari:

„Qui desiderat pacem, bellum praeparat“

„Wer (den) Frieden wünscht, bereitet (den) Krieg vor.“

– Vegetius: De re militari III

Weiter ausgeführt ist der Gedanke bei Augustinus (De civitate Dei XIX, 12). Aufgenommen wird er unter anderem von Johannes von Salisbury und Sedulius Scottus. Auch im Ritterspiegel von Johannes Rothe wird er behandelt und Vegetius mehrfach zitiert.

In der Moderne entstand aus dem Spruch das waffentechnische Warenzeichen Parabellum (Parabellum Pistole). Auch der Originaltitel des US-amerikanischen Actionfilms John Wick: Kapitel 3 (John Wick: Chapter 3 – Parabellum, 2019) hat seinen Namen von diesem Sprichwort.

Walter Benjamin veränderte den Sinn des Sprichwortes durch Austausch des Prädikats entscheidend – er schrieb 1926 in einem Aufsatz, in dem er sich kritisch mit Strömungen innerhalb des Pazifismus auseinandersetzt:

„Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg.“

– Walter Benjamin

Diese Sentenz findet sich auch am Deutschen Panzermuseum Munster.
Deutsches Panzermuseum Munster

Die Umkehrung des Satzes in si vis pacem para pacem taucht in einem friedenswissenschaftlichen Zusammenhang erstmals als „if you wish for peace, prepare for peace“ bei John Noble (Arbitration and a congress of nations as a substitute for war in the settlement of international disputes) 1862 auf. Sie beschreibt die Entwicklung zeitgemäßer Friedenskonzepte:

„Friede sowohl in inner- als auch in zwischenstaatlicher Hinsicht sollte verstanden werden als ein gewaltfreier und auf die Verhütung von Gewaltanwendung gerichteter politischer Prozeß, in dem durch Verständigungen und Kompromisse solche Bedingungen des Zusammenlebens von gesellschaftlichen Gruppen bzw. von Staaten und Völkern geschaffen werden, die nicht ihre Existenz gefährden und nicht das Gerechtigkeitsempfinden oder die Lebensinteressen einzelner oder mehrerer von ihnen so schwerwiegend verletzen, daß sie nach Erschöpfung aller friedlichen Abhilfeverfahren Gewalt anwenden zu müssen glauben. Um Frieden zu erreichen, sind deshalb anhaltende Bemühungen um Rechtsstaatlichkeit, Erwartungsverläßlichkeit, ökonomischen Ausgleich und Empathie erforderlich.“

– Dieter Senghaas

Eine Haltung zum Nahost-Konflikt?

Eigentlich wollte ich keine politischen Kommentare mehr hier abgeben, aber angesichts der großen Tragödie, die sich wieder einmal vor aller Augen der Welt im Nahen Osten abspielt, kann ich nicht ohne.

Und ich muss gestehen: ich tue ich mich sehr schwer mit einer schwarzweissbasierenden klaren Haltung in dieser Angelegenheit!

Zumal ich die Entwicklung in der Region seit langem verfolge und es mir – wie so oft – scheint, dass die harten Gegenmassnahmen nichts – aber auch gar nichts bringen werden. Sie werden – genauso, wie es bisher erfolgt ist – nur die radikalen Kräfte beflügeln, das Blutvergiessen vermehren und den Konflikt noch weiter ausweiten. Auch wurde eine Eskalation in diesem Ausmass von Nahostspezialist*innen vorausgeahnt. Leider hat man sich entweder in zu großer Sicherheit gewähnt, oder man hat es einfach in Kauf genommen und sich schon lange auf die folgende kriegerische Auseinandersetzung vorbereitet. Nach dem Motto: „Pray for peace – prepare for war“.

Hamas und Hizbollah sind radikalislamistische Terrororganisationen und haben auch für mich keinerlei Legitimation, das palästinensische Volk zu vertreten. Das ist uns ja seit Jahren klar. Die Frage ist, was könnte sie politisch schwächen? Folgende Maßnahmen sind es wohl erwiesenermassen nicht:

  • 2 Millionen Menschen in Gaza leben seit Jahrzehnten im größten Freiluftgefängnis der Welt. Unter ihnen befinden sich vor allem wehrlose Kinder, Familien, ältere Menschen. Sie werden nun Opfer der Skrupellosigkeit der Hamas, aber auch der Ignoranz der Weltgemeinschaft, die sie den Vergeltungsschlägen der israelischen Armee aussetzt, ohne ihnen einen effektiven Evakuierungsplan anzubieten. Das ist völkerrechtswidrig – ob man das nun wahr haben mag, oder nicht.
  • Die Politik der harten Hand, die von Seiten Israels seit der feigen Ermordung Yitzak Rabin’s unvermindert durchgeführt wird, ist – komplementiert durch die stillschweigend geduldeten Landbesetzungen durch die Siedler im Westjordanland – ebenfalls völkerrechtswidrig.

Ich tue mich wiederholt schwer, Stellung zu beziehen neben Nationalfahnen und sonstigen Machtsymbolen. Lieber bekenne ich mich zur Solidarität mit der isreaelischen Opposition und allen Menschen in der Region, die mutig für den Frieden dort einstehen und dafür offen angefeindet werden. An die denkt man in Europa und im Westen am wenigsten.

Warum ich am Erfolg der harten Gegenoffensive zweifle? Ganz einfach: sie haben bisher auch nichts bewirkt! Den Amerikanern ist in der Sache am wenigsten zu trauen, nach dem, was sie nach 9/11 in Afghanistan und im Irak produziert haben. Dort haben sie nach etlichen Jahren des Krieges den Radikalistamist*innen sang und klanglos das Feld, und ihre Verbündeten vor Ort der Gewalt durch die Terroristen vor Ort überlassen. So wie die isreaelische Armee in den 90ern sich aus dem Westjordanland zurückgezogen und der Hizbollah einen politischen Triumph ermöglicht hat, ohne irgendeine nachhaltige Friedensstrategie.

Statt wildentschlossener Fahnenschwingerei braucht es effektive Friedenspolitik, die sich der Profitgier der Waffenindustrie und ihren Lobbies entgegensetzt. Nur so kann den Radikalislamisten das Handwerk gelegt werden. Leider zweifle ich sehr daran, dass das überhaupt erwünscht ist.

Benjamin Netanyahu hat noch nie aufrichtig dem Frieden zugearbeitet. Er hatte lange genug Zeit dazu gehabt, aber stattdessen hat er den Konflikt ständig angeheizt und auch die Hamas in ihrer Anfangszeit – als Pseudokorrektiv zum politischen Gegner PLO – bewusst unterstützt. Mit diesem Menschen kann im Nahen Osten nichts zu Gunsten eines nachhaltigen Friedens bewirkt werden. Ausserdem ist er ein korrupter Regierungschef, der einer Amtsenthebung nur deswegen entkommen konnte, weil er gemeinsame Sache mit den Ultrarechten im Lande macht und somit seine Immunität sichern kann.

Neben dem stehe ich nicht, sorry. Ich solidarisiere mich lieber mit all den unschuldigen Zivilist*innen auf beiden Seiten, die diesem menschenunwürdigen Konflikt seit Jahrzehnten zum Opfer fallen – all die Kinder, denen eine aussischtsreiche unbeschwerte Zukunft geraubt wird, auf die sie ein Menschenrecht haben, die Hinterbliebenen der Opfer auf beiden Seiten, den Geiseln und ihren Familien.

Das alles macht mich sehr traurig. Das zu äussern, ist mir ein dringendes Bedürfnis. Auch wenn mich einige wegen meines Bekenntnisses jetzt haten werden: ich finde es wichtig, sich zu seiner Menschlichkeit zu bekennen, bevor man sich zu etwas anderem bekennen kann. wie z.B. zu einem Gott, einer Nation, einem Volk, einer kulturellen Identität und zu all den Symbolen, die zu diesen Gehören – vor allem Nationalfahnen.

Der ganze Konflikt zeigt wieder einmal, wie überholt das Prinzip der nationalen und auch der religiösen Identitäen ist. Sie bieten kein tragfähiges Gerüst für unsere gemeinsame Zukunft und werden auch irgendwann passé sein, denke ich. Aber bis dahin werden sie noch eine Menge an Blut fordern, befürchte ich. Auch, was danach folgen soll, ist äusserst ungewiss und ist eben uns Menschen überlassen. „Wir“ müssen uns dafür entscheiden, in welcher Welt wir zukünftig leben wollen – vor allem müssen wir uns dafür entscheiden, sie zu erhalten.

In tiefer Trauer um alle Opfer des Nahostkonflikts und um die, die wohl leider noch folgen werden.

Triptonious Coltrane aka Tuncay Acar.

Alacakaranlık / Zwielicht

Gedicht von Yücel Ertan und Aziz Nesin
(deutsche Übersetzung s. unten)

Olmaz ol alacakaranlık!
Yerin dibine bat alacakaranlık!
Evin ocağın sönsün alacakaranlık!
Onulmaz dertlere düşesin de sürüm sürüm sürünesin alacakaranlık!
Dilerim, ettiğini bulasın, kan kusasın… Sancıdan, sızıdan inleyesin!
Can alıcıya can vermeyesin.

Alacakaranlık, ne karanlıktır, ne aydınlıktır;
ikisi ortası, aydınlıktan uzak, daha çok karanlığa yakın.
Alacakaranlık bir kandırmacadır, aldatmacadır, yutturmacadır, oyalama, göz boyamadır.

Karanlık, gecedir, her gecenin de bir sabahı olur.

Ama alacakaranlıkların hiç yoktur sabahı,
bir sürüncemedir, sürer gider…
Ne aydınlık, ne karanlık…

Varsa da yok…
Yoksa da var…
Var gibi de yok, yok gibi de yine var…

Kanunlar hem var, hem yok…
Kimine var, kimine yok.
Kimi zaman var, kimi zaman yok.
Kimi yerde var, kimi yerde yok.

İnsan hakları, hani varımsı da yokumtrak…
Demokrasi; demokrasisimsi…
Sosyal adalet; sosyal adaletimsi…

Varımtrak yokumsu…
Tatlımtrak acımsı…
Salımtrak ama çarşambamsı…
Batılımsı da doğulumtrak…
İlerimsi de biraz gerimtrak…

Alacakaranlık, insanlara karanlığın aydınlıktır diye yutturulmasıdır: karanlığımsı da aydınlığımtrak…

Karanlık, aydınlığın düşmanıdır.

Alacakaranlık, hiçbir şeyin ne dostu, ne de düşmanıdır.
Alacakaranlık ne tezdir, ne antitezdir, ne sentezdir.
O, Allah’ın belası pis bir şeydir.

Olmaz ol alacakaranlık!
Başın kel ola!
Gözün kör ola!
Yerin dibine bat da bir daha çıkma!

Gel ey aydınlık, gel!

———————————————-

Sei verflucht, Zwielicht!
Versinke im Boden, Zwielicht!
Dein Heim und Herd mögen erlischen, Zwielicht!
Du sollst in unendliche Sorgen stürzen und dahinsiechen, Zwielicht!
Ich wünsche, dass du Ahndung findest, Blut spuckst und elendig zugrunde gehst, Zwielicht!
Mögest du darbend nach dem Sensenmann flehen.

Das Zwielicht ist weder Dunkelheit, noch Licht.
Es liegt dazwischen. Dem Licht etwas ferner, der Dunkelheit etwas näher.
Das Zwielicht ist Lügenspiel, Trugschluss, Finte, ewiger Kurzweil, Augenwischerei.

Die Dunkelheit ist Nacht und jeder Nacht wird ein Morgen geboren.

Aber das Zwielicht kennt keinen Morgen.
Es ist ewige Unentschlossenheit und wärt immer fort.
Weder Licht, noch Dunkel…

Es ist, aber es ist auch nicht…
Es ist nicht, während es zu sein scheint…
Es scheint zu sein, ist aber nicht.
Ist nicht, scheint aber doch zu sein…

Gesetze gibt es, aber eigentlich auch nicht…
Für manche ja, für manche nicht…
Manchmal gibt es sie, manchmal nicht…
Zu Zeiten greifen sie und dann wieder nicht…

Menschenrechte sind ‚menschenrechtsähnlich’…
Demokratie ist ‚demokratieähnlich’…
Soziale Gerechtigkeit ‚ähnelt‘ einer Sozialen Gerechtigkeit…

Es scheint zu existieren, aber gleichzeitig auch nicht…
Süsslich und auch bitterlich ist es…
Dienstagsähnlich, aber auch mittwöchelnd…
Angewestlicht und gleichzeitig östlich anmutend…
Progressivlich, aber auch etwas von rückschrittlicher Art…

Das Zwielicht gewandet sich hell und gaukelt den Menschen so das Licht vor.
Es ist angedunkelt, trägt aber auch hellere Töne…

Die Dunkelheit ist der Feind des Lichts.

Das Zwielicht hingegen ist niemandes Feind, noch Freund.
Es ist weder These, noch Antithese, geschweige denn Synthese.
Es ist ein gottverfuchtes Drecksding.

Sei verflucht Zwielicht!
Deine Haare mögen ausfallen!
Deine Augen mögen erblinden!
Mögest du in Grund und Boden versinken und nie mehr wieder auferstehen!

Komm o helles Licht! Komm endlich!

Je souis Burning Man?

Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, wenn ich im Gazastreifen aufgewachsen wäre und mein Leben lang die Ignoranz dieser Welt ertragen müsste. Ich wäre mit Sicherheit ein radikaler Typ.
Oder, wie es wäre, wenn Terroristen das Burning Man Festival angreifen würden. Wie lange wäre der Nachhall in den weltweiten „weissen“ Medien? „Je souis Burning Man!“ – klar! Aber Je souis „dieses kleine Friendensfestival, das am 7. Oktober in Israel stattfand, wo hunderte junger Menschen von Terroristen umgebracht wurden?“ – da kräht kein Hahn danach. Es gibt keinen Nachhall. Die Kids sind einfach tot. Schade…kann man nichts machen?!

Netanjahu plädiert für eine Eliminierung der Hamas, dabei hat er sie selber so groß gemacht. Vielleicht muss er sie deswegen so dringend eliminieren? Nicht, weil das das Ende des Terrorismus mit sich bringen würde…nein! Den Terrorismus wird das nicht beenden. Frieden im Nahen Osten wird ab jetzt wohl wirklich nie mehr möglich sein. Das weiß er sehr genau. Die Hamas muß viel mehr eliminiert werden, weil sie ein Werk der jahrelangen Politik Netanjahus ist. Sie ist das Eitergeschwür, in seiner Seele. Und dieses selbstverursachte Eitergeschwür ist auch der Grund für das Versagen seiner Regierung in dieser Angelegenheit – einer der Hauptangriffspunkte der Opposition in Israel.

Über 20.000 Menschen sind im Gazastreifen gestorben. Der Tod von unschuldigen Menschen wird einfach in Kauf genommen! Man stelle sich dasselbe mal irgendwo in Europa oder in den Vereinigten Staaten vor? Flächendeckende Bombardierung eines Landstriches, auf dem sich terroristische Zellen festgesetzt haben – ohne einen Evakuierungsplan für die Zivilbevölkerung?
Sowas geht nur in Palästina, oder im Jemen, oder an irgendeinem anderen Ort dieser Welt, den die „Weissen“ in der Hybris ihres Unterbewusstseins als „Shithole“ abgespeichert haben.
Nur an solchen Orten ist das möglich. Hier bei uns hingegen würde es so etwas nicht geben. „Bei uns“ würde das gegen „unser“ Menschenrecht verstoßen. Im Nahen Osten tut es dies nicht! Die Menschen dort haben kein „Menschenrecht“.

Letztens fragte mich jemand: „Warum kommt auf israelischer Seite nur eine Person frei im Gegensatz zu 3 auf palästinensicher Seite? Ich antwortete: „Wahrscheinlich weil sie sich auf eine perfide Formel geeinigt haben: die eine Seite ist sich sicher, dass ihre Leute 3 mal soviel Wert sind und die andere Seite nutzt diese rassistische Dummheit, um sich im Gefangenenaustausch einen Vorteil zu verschaffen“. Oder? Jetzt mal ganz ehrlich: wer von euch hat sich überhaupt darüber gewundert über diese Werteskala?

Seit dem 7. Oktober sind in Nahen Osten auf israelitischer Seite über 2000 Menschen durch einen feigen terroristischen Anschlag der Khassam-Brigaden der Hamas gestorben. Hunderte von israelitischen Geiseln sind noch in der Hand der Terroristen. Auf palästinensischer Seite sind – sage und schreibe – über 20.000 Menschen gestorben, davon mehr als 8000 Kinder! Fast die Hälfte der 2 Millionen Menschen vor Ort sind am hungern!

Hunderttausende Menschen werden täglich von der israelischen Armee im Gazastreifen herumgescheucht. Sie gibt vor eine gezielte Gegenoffensive zu führen und die Situation soweit unter Kontrolle zu haben, dass sie die zivilen Opfer in einem minimalen Umfang hält?

Und wir ignoranten Idiot*innen nicken mit dem Kopf und wollen das glauben, obwohl wir genau wissen, dass das nicht möglich ist, oder gerade deswegen, „weil“ wir wissen, dass das nicht möglich ist. Wir wissen das ganz genau und wenn „uns“ das passieren würde, würden wir die Welt auf den Kopf stellen und alle müssten dann „Je souis moi!“ sein, aber wenn es nur ein Haufen von 2 Millionen Palästinensern ist, dann ist es zwar auch grausam, aber es ist eben nicht Je souis! Nein Je souis ist es nicht. Die sind nicht „wir“! Das sind Araber, oder Juden. Das sind nicht wir!

Es ist so eine elende Unmenschlichkeit und so eine eisige Ignoranz.

Es ist eine einzige Schande!

Hier kann man wenigstens spenden für all die unschuldigen Kinder:
https://www.unicef.de/informieren/projekte/asien-4300/palaestina-19566/kinder-schuetzen/53292





Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, wenn ich im Gazastreifen aufgewachsen wäre und mein Leben lang die Ignoranz dieser Welt ertragen müsste. Ich wäre mit Sicherheit ein radikaler Typ.
Oder, wie es wäre, wenn Terroristen das Burning Man Festival angreifen würden. Wie lange wäre der Nachhall in den weltweiten „weissen“ Medien? Je souis Burning Man! Aber Je souis „dieses kleine Friendensfestival, das in Israel stattfand, wo hunderte junger Menschen von Terroristen umgebracht wurden?“ – da kräht kein Hahn danach. Es gibt keinen Nachhall. Die Kids sind einfach tot. Schade…kann man nichts machen?!

Netanjahu plädiert für eine Eliminierung der Hamas, dabei hat er sie selber so groß gemacht. Vielleicht muss er sie deswegen so dringend eliminieren? Nicht, weil das das Ende des Terrorismus mit sich bringen würde…nein! Frieden im Nahen Osten wird ab jetzt wohl wirklich nie mehr möglich sein. Das weiß er sehr genau. Die Hamas muß viel mehr eliminiert werden, weil sie ein Werk der jahrelangen Politik Netanjahus ist. Sie ist das Eitergeschwür, in seiner Seele.
Über 20.000 Menschen sind im Gazastreifen gestorben. Der Tod von unschuldigen Menschen wird einfach in Kauf genommen! Man stelle sich dasselbe mal irgendwo in Europa oder in den Vereinigten Staaten vor? Flächendeckende Bombardierung eines Landstriches, auf dem sich terroristische Zellen festgesetzt haben – ohne einen Evakuierungsplan für die Zivilbevölkerung?
Sowas geht nur in Palästina, oder im Jemen, oder an irgendeinem anderen Ort dieser Welt, den die „Weissen“ in der Hybris ihres Unterbewusstseins als „Shithole“ abgespeichert haben.
Nur an solchen Orten ist das möglich. Hier bei uns hingegen würde es so etwas nicht geben. „Bei uns“ würde das gegen das Menschenrecht verstoßen. Im Nahen Osten tut es dies nicht!

Letztens fragte mich jemand: „Warum kommt auf israelischer Seite nur eine Person frei im Gegensatz zu 3 auf palästinensicher Seite? Ich antwortete: „Wahrscheinlich weil sie sich auf eine perfide Formel geeinigt haben: die eine Seite ist sich sicher, dass ihre Leute 3 mal soviel Wert sind und die andere Seite nutzt diese rassistische Dummheit, um sich im Gefangenenaustausch einen Vorteil zu verschaffen“. Oder? Jetzt mal ganz ehrlich: wer von euch hat sich überhaupt darüber gewundert über diese Werteskala?

Seit dem 7. Oktober sind in Nahen Osten auf israelitischer Seite über 2000 Menschen durch einen feigen terroristischen Anschlag der Khassam-Brigaden der Hamas gestorben. Hunderte von israelitischen Geiseln sind noch in der Hand der Terroristen. Auf palästinensischer Seite sind – sage und schreibe – über 20.000 Menschen gestorben, davon mehr als 8000 Kinder! Fast die Hälfte der 2 Millionen Menschen vor Ort sind am hungern!

Hunderttausende Menschen werden täglich von der israelischen Armee im Gazastreifen herumgescheucht. Sie gibt vor eine gezielte Gegenoffensive zu führen und die Situation soweit unter Kontrolle zu haben, dass sie die zivilen Opfer in einem minimalen Umfang hält?

Und wir ignoranten Idiot*innen nicken mit dem Kopf und wollen das glauben, obwohl wir genau wissen, dass das nicht möglich ist, oder gerade deswegen, „weil“ wir wissen, dass das nicht möglich ist. Wir wissen das ganz genau und wenn „uns“ das passieren würde, würden wir die Welt auf den Kopf stellen und alle müssten dann „Je souis moi!“ sein, aber wenn es nur ein Haufen von 2 Millionen Palästinensern ist, dann ist es zwar auch grausam, aber es ist eben nicht Je souis! Nein Je souis ist es nicht. Die sind nicht „wir“! Das sind Araber, oder Juden. Das sind nicht wir!

Es ist so eine elende Unmenschlichkeit und so eine eisige Ignoranz.

Es ist eine einzige Schande!

Hier kann man wenigstens spenden für all die unschuldigen Kinder:
https://www.unicef.de/informieren/projekte/asien-4300/palaestina-19566/kinder-schuetzen/53292




Entspannung für Zentraleuropa

Die Bündnispartner der Nato haben sich beraten.
Ich frage mich dann immer: wer hat genau wen beraten?
Aber die Frage wird mir eh niemand beantworten können.

Mein geliebtes Volk!
Du musst jetzt Geduld zeigen.
Entspann‘ dich im Baumarkt.
Flanier‘ durch die Regalreihen.
Oder hol‘ dir mal wieder ein Bier an der Tanke.
Das erinnert an Familienurlaub.

Man kann sich ja nicht die ganze Zeit nur aufregen!
Schließlich gibt es ja Profis, die dafür bezahlt werden.
Das Beste: es gibt auch immer noch genug nichtvegane Würste.
Also kein Grund zur Panik.
Lass‘ dich bitte nicht so rumschubsen von alltäglichen Kleinscharmützeln.

Wir wissen doch alle ganz genau:
Es geht um’s große Karo.
Das dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren.
…aus dem Auge verlieren lassen.
Denn auch dafür gibt es Profis.

Also lehn‘ dich zurück.
Die letzte Weltmeisterschaft war im Endeffekt ein großer Erfolg, oder?
Nach dem Sommer geht’s weiter.
Vollgas.
Da macht’s dann auch wieder Sinn wütend zu sein.
Du weisst bescheid!

Wer produziert deinen Traum?

In der Zwischenzeit machten sich Traumwelten breit. Denn während all der Grausamkeiten die er die letzten Jahrhunderte erlebte, hat der Mensch nie aufgehört zu träumen. Träume von Einzelnen mutierten zu Massenproduktionen. Viele kennen es: wir haben Träume, von denen wir glauben, das sie einem individuellen Anpruch entspringen. Aber mal im ernst: das ist doch nur selten wirklich der Fall? Die meisten unserer Träume sind Fließbandware – produziert für die Massen. Und nur wenige können sie erfüllen. Aber alle Träumen wir weiter:

– den einen wurde ihr Lebensraum zerstört. Sie wollen nun ihre Heimaten verlassen und Richtung Westen ziehen. Sie träumen von einem sicheren Leben für die ganze Familie, von einem hohen Lebensstandard, wie sie ihn in mobilen Applikationen tagtäglich verfolgen. Viele von ihnen nehmen sogar nicht nur ihren eigenen, sondern den Tod ihrer gesamten Familie in Kauf – oft ertrinken sie auf der überfahrt jämmerlich im Mittelmeer.

– andere sind die Enkelkinder der alten Kolonialherren. Sie träumen von ihrer Identität, von ihrer Kultur, die untrennbar verknüpft sei mit Christentum, Humanismus und Zivilisation. Sie träumen davon, dass das alles zu ihnen gehört, wie die DNA in ihren Körpern. Sie träumen von einer Welt, die sich für sie nur zum guten entwickelt. Sie träumen von ewig wachsenden Märkten, vom Weihnachtsmann, vom Osterhasen und von Zimtlebkuchen. Sie werden wütend, wenn man ihnen auch nur einen Krümel von diesen Träumen streitig macht. Tod und Leid von Millionen von Menschen berühren sie schon auf humaner Ebene, aber sie wären insgeheim bereit, die Übel hin zu nehmen, nur um ihre kleinen Träume zu wahren und wenn es die eine Urlaubskreuzfahrt durch die Heimaten der Opfer ihrer Verschwendungssucht ist.

– ganz andere widerum sind die Gewinner*innen innerhalb der Weltordnung. Sie betreiben die Maschinen, mit denen grosse Träume produziert werden. Doch sind sie selber Getriebene, die bereit sind, für ihre ganz eigenen individuellen Träume große Opfer zu bringen. Sie haben den Anspruch, dass ihre Träume, Niemandes Träumen gleichen. Sie wollen einzigartig leben und auch sterben. Man könnte sie mit den zu Lebzeiten divinisierten Herrschern der Antike vergleichen. Sie wollen mit Superlativen assoziiert werden. Deswegen leben sie mit ihrem hart verdienten Geld im permanenten Extremzustand. Manche von ihnen setzen sich Lebensgefahren aus und bezahlen teuer dafür. Sie tauchen zum Beispiel in tausende Metern Tiefe, um im Rahmen einer extremtouristischen privaten Tauchmission das Wrack der Titanic zu betrachten und zahlen dafür ein Vermögen. Vielleicht wollen sie dadurch unsterblich werden, aber auch sie verrecken dabei in den Tiefen des Meeres jämmerlich. Wahrlich ein einzigartiger Tod! Das muß man ihnen lassen.

Alle beschriebenen Personen vereint jedoch die ewige Unzufriedenheit und die Angst, die sie sich gegenseitig und selber zuteil werden lassen. Dabei beschwören wir Menschen gerne die Rationalität, aber im wesentlichen bleiben wir tief verankert in der realen Absurdität unseres Alltags. Die Rationalität dient uns wohl nur dazu, uns gegenüber unserer Hybris zu legitimieren.

Dabei hätten wir es doch so sehr verdient, ehrlicher zu uns selbst zu sein.

Der erbarmungslose Triggerfinger

Sie nippte an ihrem Strohhalm. Die Augen hatten sich zu engen Schlitzen verschmälert. Sie lies ihre langen glatten und dunkelblonden Haare mit einer routiniert rhythmischen Bewegung hin- und herwogen, sah ihn zuerst fragend an und zögerte. Dann blickte sie in ihren Drink. Sie sinnierte kurz, blickte auf, legte ihren Kopf schrög und stiess seufzend aus:

„Ich bin so etwas ähnliches wie eine Androidin. Meine Identität setzt sich aus erweiterbaren Modulen zusammen. Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, all meine Alltags- und Sozialisationserfahrungen wie Bausteine nach Gusto aneinanderzufügen und daraus eine mir eigene komplexe Identität zu schaffen. Das hilft mir, den Ansprüchen zu genügen, die ein Leben zwischen den Kulturlandschaften mit sich bringt. Hätte ich mich für nur eine Identität entschieden, würde ich mit Sicherheit der einen oder der anderen Forderung nicht genügen. Ich würde als Defizitär eingestuft werden und dies würde dazu führen, dass ich in keinem gesellschaftlichen Kontext wirklich ankommen könnte.
Ich beherrsche nicht nur mehrere Sprachen, sondern lebe diese Sprachen auch in ihren jeweiligen Aktualitäten und unterschiedlichen Ausprägungen. Ich kenne die Lebensrealitäten mit welchen sie konnotiert und verbunden sind. Das rührt daher, dass ich mich Zeit meines Lebens einer Außenseiterinnenrolle, oder einer Position als Gast verweigert habe. Damit verweigerte ich mich natürlich auch gleichzeitig einer mir aufobtruhierten Passivität. Ich will in allen Wahrnehmungswelten, in denen ich mich befinde am Leben teil nehmen. Das kann anstrengend sein, aber das ist nunmal ‚mein‘ Anspruch, ‚meine‘ Forderung.
Dies führt soweit, dass man – egal, wo man sich in der Welt befindet – selten eine passive Position als Gast, oder gar als Touristin einnehmen möchte. Wenn ich auf Reisen bin, bin ich ungerne Touristin. Nicht selten reise ich reise ich deswegen mit einem Auftrag. Tourismus ist – meiner Meinung nach – in seiner herkömmlichen Form als Dienstleistungsware nicht mehr Legitim“.

Er hatte Schwierigkeiten, etwas dazu zu erwidern. Er stammelte stattdessen so etwas wie: „Aber deine Heimat ist schon Syrien, oder?“. Zumindest stammt dein Name aus dem arabischen?

Sie nippte wieder an ihrem Drink und antwortete: „Ist egal, wo der Name herkommt. Glaub’s mir. Aber es ist ein schöner Name“.

Er meinte daraufhin: „Ich weiss, das darf man ja nicht mehr fragen, aber ich meine das nicht rassistisch, wirklich. Wo kommt dein Name her“.

Fatima hatte sich währenddessen schon lächelnd abgewandt und meinte: „Ich weiss es nicht“. Daraufhin nahm sie ihren Drink und wandte sich wieder ihren Freund*innen zu, mit denen sie gekommen war.

Er lächelte verunsichert zurück und blickte ihr noch einige Sekunden hinterher.

Wir sind die Anderen

Wir sind Wir.
Wir sind die Anderen.
Wir tanzen zu ungeraden Takten, wie die Fische im salzigen Meerwasser.
Sonne gerbt unsere Haut.
Wenn wir sprechen, klingen die rauhen sanften Hände unserer Mütter.
Das Lachen ist eingemeißelt in unsere faltige Haut.

Unser Großmut lässt niemanden hungern.
Wir sind oft Männer.
Dumm, übermütig und selbstverliebt besingen wir unsere Frauen in Volksweisen, Liedern, Gedichten und Epen,
oder wir bewerfen uns gegenseitig mit ihren heiligen Körpern in unseren wildesten Flüchen.

Wir sind immer auserlesen.
Wir sind niemandem ähnlich.
Wir gleichen nur uns selbst.
Unsere Sprache ist von Gott gesandt.
Unsere Kultur ist die Wiege der Menschheit.

Wir sind voller Liebe,
voller Gottesfurcht.
Wir sind der Krieg.
Wir sind der Frieden.
Wir sind die Fruchtbarkeit.

Wir sind unmündig.
Töricht.
Ungerecht.
Grausam.

Und vor allem….vergesslich.

Nur eines vergessen wir nie:
Die Anderen.
…die Unmenschen…die Ungeheuer…
…die das Blut unserer Kinder tranken.
…die unsere jungen Frauen entweihten.
…die unsere tapferen Söhne mordeten.
…die keine Heiligkeit kannten und kein Gotteshaus.
…deren Seelen verdorben waren, und immer noch sind.

Sie werden wir nie vergessen!

Doch es regt sich immer diese leise Stimme in uns.
Sie ist uns nicht sehr genehm.
Deswegen begraben wir sie wieder heuchlerisch in unserem Gewissen.
Aber sie kriecht immer wieder hartnäckig empor in der Nacht
und versperrt unsere trockenen Kehlen.

Sie fragt:
…sind wir nicht auch die Anderen?
…sind nicht wir es, die unser Land verraten?
…unsere Menschen?
…entwürdigen wir sie nicht mit unserem Hass?

…ist die Geschichte nicht unser aller Eigentum?
…genau so wie unsere Sprache?
…ist es nicht unser aller Menschlichkeit?
…unsere endlose Liebe?
…sind es nicht unsere Lieder?
…gehören sie nicht uns allen?

…und die Opfer?
…sind sie nicht unser aller Opfer?
…und auch all diese Fragen?
…gehören sie nicht uns?
…haben wir sie nicht gezeugt in patriarchalem Wahn?

Diese leise Stimme ist die Stimme
unserer Seelen
unserer Ehrlichkeit
unserer Intelligenz
unseres Gewissens
unserer Verantwortung

Sie ist die Stimme unserer Kinder

Sie wird immer lauter und sagt:
Ja, „wir“ sind diejenigen, die all dies getan haben,
all dies geschaffen haben.
Auch die Symbole,
in deren Schatten wir voranschreiten.

Auch Gott haben wir selbst erschaffen,
nur um ihm die große Verantwortung aufzubürden,
die wir selber nicht willens sind zu tragen.

„Deswegen“ richten wir die Klage immer an die Anderen.

Dabei wissen wir nur allzu gut:

Wir sind Wir…
„Wir“ sind die Anderen…

(Textintro der musikalischen Lecture Performance „Biz – Wir – εμείς“ von Costas Gianacacos und Tuncay Acar.
Nächste Aufführungen im Werkraum der Münchner Kammerspiele s. hier!)

Dimitri

Es war kurz nach Mitternacht. Im Sommer scharten sich die Besucher*innen vor dem Laden und Dimitri war gerade dabei, mit einem Besen Glasscherben vor dem Eingang wegzukehren. Plötzlich stand da wieder so ein Gaffer. Dimitri kannte dieses Gefühl nur zu gut. Er hasste es, wenn er während der Nachtarbeit im Laden von wildfremden Menschen beobachtet wurde, aber das brachte der Job eben mit sich. Es war ein ungewöhnlicher Ort, den sie geschaffen hatten, in einem Viertel, von dem man eine solche Bühne nicht erwartete. Sie hatten die glorreiche Idee gehabt, aus einem ehemaligen palästinensichen Supermarkt einen Kultort zu erschaffen. Nach anfänglichem rumgenäsele rannten die Leute ihnen die Bude ein und ergötzten sich an der neuen Undergroundlocation im Hauptbahnhoftrash.
Dimitri war die eine Hälfte des Betreiberduos, dass sich keine Betriebsleitung leisten konnte. Also machten Dimitri und Ulrich alles selber. Sie waren von früh bis spät anzutreffen und liessen ganz unelitär alles auf die Bühne, was sich halbwegs zu benehmen wußte und das kam gut an.
Der Ort weckte Neugierde. Sie hatten aus einem leeren Supermarkt eine Weggehoase geschaffen, einen Kultort mitten im mehrheitsbürgerschaftlichen „Nichts“. Also waren sie fortan die Helden all dieser Menschen, die in dieser konservativen Stadt genau solche Orte mit dem Fernrohr suchten. Genau diese Menschen projezierten jedoch schon auch mal gerne ihre privaten Sehnsüchte in Personen, die ihnen dafür geeignet erschienen.
Und da kam es eben auch oft genug vor, dass man angegafft wurde. Aber dieser Typ hier war besonders hartnäckig. Er schlich um Dimitri herum und maß ihn von oben bis unten mit achtsamem Blick. Dabei wirkte er durchgehend, als würde eine erlösende Bemerkung oder Frage jeden Moment aus dem Mund purzeln. Es geschah aber nichts.
Irgendwann hielt Dimitri es nicht mehr aus, wandte sich seinem äußerst neugierigen Gast zu und fragte ihn höflich, ob er ihm behilflich sein könne. Der Gaffer musterte ihn zunächst mit einem überheblich stoischen Blick. Dann rundete er diesen in ein kindliches Lächeln ab und fragte nach kurzem zögern: „Betreibst du diesen Laden hier?“. Dimitri antwortete, dass er nicht alleine wäre, ein ganzes Kollektiv sich die Arbeit teilte und dass dies alles sonst niemals möglich geworden wäre.
Das war nichts weiter, als eine ehrliche Antwort auf eine ehrliche Frage. Bis dahin war noch nichts aussergewöhnliches passiert. Der mystische Gast baute die Fragerunde jedoch noch weiter aus. Er betrachtete Dimitri mit wohlwollendem Blick und ließ dann in einem gemäßigten Fernsehmoderatorenton diese Salve los: „Ich weiß mehr über dich, als du dir denken kannst“.
Dimitri war damals leicht reizbar. Das lag daran, dass er meist schon tagsüber ein enormes Arbeitspensum hinter sich brachte, bis es dann in die Nachtschicht ging. Eigentlich wollte er in aller Ruhe seine Arbeit fertig kriegen und hatte überhaupt gar keinen Nerv für genau diese Sorte von Schlaumeier. Der kam ihm in seiner völlig überzogenen Arroganz genau richtig. In solchen Fällen konnte der kräftig gebaute Grieche schon mal ekelhaft werden. Nun freute er sich aber regelrecht darauf, seine aufgestauten Energien auf diesen aufgeblasenen, ahnungslosen Schnösel loszulassen. „Ach interessant!“, erwiderte er nun, indem er mit dem ausgestreckten Arm seinen Besen am Stil festhielt, „dann bin ich aber mal gespannt. Was weisst du denn so über mich?“.
Ein Schmunzeln krümmte die Lippen seines Gegenübers, das nur so triefte vor Genugtuung und Selbstzufriedenheit. Er neigte sich zu Dimitri herüber, ergriff seine Schulter, als wäre er sein Geselle und wollte ihm gerade etwas ins Ohr flüstern, als dieser seine Hand von seinem Körper streifte und ihn bat, ihm seine Mitteilung ohne Körperkontakt zu machen. Das war nämlich ein weiterer Nachteil dieser Arbeit: Man war leicht zugänglich – auch körperlich. Die Hemmschwelle der Menschen sinkt zu fortgeschrittener Stunde sehr schnell, wenn sie meinen, eine emotionale Nähe  entwickeln zu müssen – vor allem, wenn Alkohol im Spiel ist. Deswegen war Dimitri auf solcherlei gut gemeinte Körperlichkeiten geeicht.
Die brüske Art liess die vermeintlich selbstsichere Fassade leicht bröckeln. Der Abgewiesene setzte leicht zurück, aber an seiner selbstgefälligen Haltung hatte sich nichts geändert. Nun schien er etwas empört, liess aber noch einmal Gnade walten und meinte in einem anerkennenden Tonfall: „Ich weiss es. Du bist ein Sozialist! Stimmts?“
Das überforderte den guten Dimitri im übermaß. Er war tatsächlich in einer linken Familie großgeworden. Sein Vater, der Zeit seines Lebens großen Einfluß auf ihn hatte,  war aber mit der Zeit von einem revolutionären Sozialisten zu einem konservativen Sozialdemokraten mutiert, was Dimitri aus Liebe zur Familie wohlgesinnt hingenommen und ihm längst verziehen hatte. Er war tatsächlich seit früher Kindheit auf Demonstrationen auf der Straße sozialisiert worden. Seine Eltern waren aktiv in linken Vereinen. Die Internationale war sein Wiegenlied gewesen. Er hegte der politischen Linken gebenüber zwar große Sympathien, aber im Zuge seiner persönlichen Entwicklung hatte er sich irgendwann einmal dafür entschieden, sich von politischen Dogmen fernzuhalten. Darüber redete er nur sehr ungerne – wenn, dann nur in engstem Kreise.
Dimitri hatte sich im Zuge seines Existenzkampfes in Deutschland ein halbwegs zufriedenstellendes Portfolio an schauspielerischen Fähigkeiten angeeignet und nutzte jetzt die Übertreibung als Stimittel, um seinem Gegenüber das affektierte Selbstbild wegzublasen: „Sozialist? Ich? Sag mal wie kommst du denn auf so einen Scheiß? Das was ich mache hat mit Sozialismus nichts zu tun. Wenn, dann könntest du mich eventuell einen Anarchisten nennen, aber das auch nur eventuell. Ich habe mit -ismen nichts am Hut, mach hier nur meinen selbstgeschaffenen Job, weil ich keine Lust habe irgendwo angestellt zu sein. Die Sozialisten können mir mal den Buckel runterrutschen!“.
Daraufhin verzog der neugierige Gaffer sein Gesicht und legte eine betroffene Miene auf. Scheinbar hatten Dimitris Worte ins Schwarze getroffen: er hatte einem Sozi-Romantiker die Illusion zerstört. Der im Kopf geschaffene Held hatte sich schon in der ersten Szene des Films selbst in die Luft gesprengt, ohne Spannungsbogen, ohne Nervenkitzel, ohne happy End – lediglich ein Showdown und der kam viel zu früh.
Mit klagendem Ton wimmerte er nun: „Ach komm. Sozialismus ist doch gut. Was willst du denn?“
Damit hatte er Dimitris Hutschnur endgültig zum reissen gebracht. Das machte ihn agil. Er lspiegelte nun das Verhalten seines Gegenübers, schritt seinerseits um diesen herum und beobachtete ihn aufmerksam von Kopfscheitel bis zur Fußsohle, fast schon wie ein Raubtier, das vor dem letzten Todesstoß noch einmal um sein Opfer kreist: „Ohoo, du bist ja richtig getroffen, wie es scheint? Ja bist du denn ein Sozialist? Siehst gar nicht aus, wie einer.“ Er betrachtete sein gegenüber jetzt ganz genau: Markenoutdoorklamotten, Systemtextilien…mitten im Sommer…der Typ sah aus, als wäre er direkt von einer Fernreisemesse gekommen. Sowas konnte sich nicht jeder leisten, schon gar keine idealistischen Sozialisten.
Dimitri schnorrte sich einen Drehtabak von jemandem um ihn und während er anfing, sich eine zu drehen setzte er zum Vergeltungsschlag an: „Jetzt werde ich dir mal etwas über dich erzählen, mein bester. Ich weiss nämlich auch mehr über dich, als dir recht ist“, blökte er ihm ins Gesicht.
„Wieso? Was weisst du denn über mich?“ fragte dieser überrascht.
Dimitri positionierte sich in aller Ruhe vor seinem Reizobjekt und nahm behäbig seinen Besenstil in die Schlaufe seines rechten Ellenbogens. In der Zwischenzeit hatten sich ein paar Passant*innen um sie gestellt und wunderten sich über diesen sonderbaren Schlagabtausch.
Dann, nach ein paar Sekunden, die zäh dahinflossen, wie geschmolzener Stahl, zog Dimitri an seiner selbstgedrehten Zigarette und fragte mit naiv interessiertem Blick und hämischer Stimme: „Du bist Maschineningenieur, stimmts? Und du arbeitest…bei BMW? Na?“
Es machte sich eine betretene Stille breit. Der Gesichtsausdruck des Gaffers war jetzt wie eingefroren, so erstaunt war er: „Ja, das stimmt. Woher weisst du das?“. Robin Hood hatte mit seiner Menschenkenntnis den im Schwarzen steckenden Pfeil seines Widersachers mit seinem eigenen gespalten.
„Du riechst förmlich danach“, erwiderte Dimitri mit einer ruhigen Stimme, deren triumphaler unterton nicht zu überhören war. Das sorgte für Lacher bei den umstehenden. Die Selbstgefälligkeit des Gaffers war somit umgehend dahin. Allen ernstes schien er sich – als glühender Sozialist, als den er sich wohl im tiefsten seines Wesens sah – für seinen guten Job zu schämen, denn er murmelte schwer verständlich vor sich hin und es klang so, als würde er versuchen, sich dafür zu rechtfertigen.
Das schrie nach einem Knock Out! Dimitri neigte seinen Kopf in die Schräge, legte einen tiefernsten Gesichtsausdruck an und fauchte: „Mein Lieber, du kannst gerne da reingehen und dich amüsieren, dich an unserem erlesenen Bühnenprogramm erfreuen, dein Geld an unserer gut ausgestatteten Bar ausgeben, alles, was du willst kannst du hier tun, solange du dich anständig benimmst. Du bist ein gutbezahlter Maschineningenieur bei BMW. Das ist sicher nicht der schlechteste Beruf. Steh zu ihm, aber erzähl mir hier bitte keine Märchen vom Sozialismus“.
Daraufhin nahm er seinen Besen und seine Mülltüte, verstaute sie hinter der Tür und verschwand in seiner kulturellen Zwischennutzung.